Pressestimmen

24.05.2013 – Altmark Zeitung

Mit Fliege und im Frack Salonorchester Weimar im Kurhaus

Zwischen Hans Albers und Zarah Leander machten die sieben Musiker eine gute Figur

BAD BEVENSEN. Ein Mann in Frack und Fliege ist im Vorteil. Das ist nicht erst seit Johannes Heesters so. Sitzt er obendrein an einem Klavier oder haucht Liebestexte in ein Mikrofon, wissen wir um seine Wirkung. Besitzt er aber dazu eine Stimme mit dem Timbre, in dem Willy Fritsch und eine alte Schellackplatte eine unnachahmliche Melange bilden, ist es zumindest um die Weiblichkeit geschehen. So betrachtet waren die Herren Boris Raderschatt (Gesang) und Clemens Rynkowski (Klavier) im Vorteil. Aber auch Martin Lentz am Bass, Jürgen Schneider am Schlagwerk und vor allem Rüdiger Trosits mit Klarinette und Saxofon erwiesen sich durchaus als des Anbetens würdig. Die Mädels an Geige und Bratsche, Franziska Frolik und Maria Pache, mussten ohne diesen Outfit-Bonus im Vergleich härter arbeiten. Zusammen bildete das Septett das Salonorchester Weimar und war im Kurhaus zu Gast. Nach langen Jahren wieder einmal.

Schlager standen auf dem Programm. Solche, die schon die Patina von über 80 Jahren angesetzt haben. Zwischen Hans Albers und Zarah Leander also. Was soll man über einen Abend schreiben, an dem das Publikum textsicher und selig mitsummt? Wer das nicht konnte, musste weit unter 55 sein und war somit in der Minderheit.
Und was gibt es mit kargen Worten schon zu berichten über eine Musik, die noch alle Tonarten kannte (nicht nur wummernde Bässe) und nach der man die Füße in langsamem Foxtrott, Tango oder Walzer gar zu setzen wusste? Vielleicht nur, dass das Salonorchester Weimar sie passend darbot, mit ein wenig Pomade im Haar und Schmelz in der Stimme. Und - und das vor allem - einer unvergleichlichen Musikalität plus einer schier unerschöpflichen Erfindungsgabe, was die Arrangements angeht. Ein paar Synkopen hier, ein wenig mehr Jazzrhythmus da, Perfektion am Instrument und eine übergroße Liebe zu den Stücken, die ganz bestimmt nicht wegen ihrer selten sinnreichen Texte überlebt haben, sind die Voraussetzungen dafür, dass man sein Publikum ins selige Delirium singt. Das taten die Protagonisten dann auch. Die Frage "Kann denn Liebe Sünde sein?" wurde beim Wort "Moral" mit einer kleinen Dissonanz aufgepeppt und damit gleich mal die ganze Verlogenheit der UFA-Schinken angemerkt. Bei "Der Wind hat mir ein Lied erzählt" bekommt die Klarinette eine klitzekleine Gelegenheit zur Intonation von Bizets "Ja, die Liebe hat bunte Flügel". Die "Donna Clara" kam mit Soli für Schlagwerk und Akkordeon unbeschreiblich witzig daher und das Free-Jazz-Vorspiel für "Ich küsse Ihre Hand Madame" muss man einfach gehört haben.

Sänger Boris Raderschatt moderierte kaum und dennoch war der Abend abwechslungsreich. Er nennt auch keine große Stimme sein Eigen. Aber er besitzt einen Charme, dass man zu seinen Füßen niedersinken möchte. Das hat er mit den frühen Filmhelden gemeinsam. Gut, einer der besten aller 20er-Jahre-Songs - "Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da" - kam bei Gustaf Gründgens besser, aber der war eh unübertroffen. Raderschatt gab seiner Interpretation jeweils einen Funken all der Originale mit, kopierte sie aber an keiner Stelle ernsthaft.
Seine instrumentalen Begleiter haben alle an der Musikhochschule "Franz Liszt" zu Weimar studiert und beherrschen ihr Metier ohne Einschränkung. Dass es manchmal lautstärkemäßig auf Kosten des Sängers mit ihnen durchgeht, ist verständlich. Aber die Texte kennt ja sowieso jeder. Und so passen die Lieder und ihre Inszenierung immer noch und immer wieder in eine zunehmend virtuelle Welt, in der man Emotionen nur durch ironische Distanzierung zu ertragen meint. Dabei würde keine Frau einen "Bel Ami" verachten...

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